Aufklärung ist der Ausgang
Es ist also jeden einzelnen Menschen schwer … die Fußschellen abzulegen.
Aufklärung ist der Ausgang
Es ist also jeden einzelnen Menschen schwer … die Fußschellen abzulegen.
Kant nutzt in diesem Abschnitt mehrmals das Stilmittel der Ironie. Hier spricht er davon, dass es bequem sei, unmündig zu sein und dass man nicht denken müsse, wenn man nur genug Geld hat. Weiter unten schreibt er, dass Vormünder die Oberaufsicht über andere Menschen „gütigst auf sich nehmen“ und beschreibt die Beaufsichtigten mit der Metapher des Hausviehs. Mit dem Stilmittel der Ironie sagt eine Person, was ihrer Überzeugung nicht entspricht und überlässt es den Leser:innen, das zu erkennen.
Nachdem Kant schon die Beispiele des Offiziers und des Bürgers genannt hat, erwähnt er jetzt noch den Geistlichen (z.B. einen Pfarrer oder eine Nonne). Diese Beispiele stehen für drei Stände der Gesellschaft, die bereits in Platons Werk Politeia im 4. Jahrhundert v. Chr. unterschieden wurden: den Wehrstand, den Nährstand und den Lehrstand.
Kant nutzt in diesem Abschnitt mehrmals das Stilmittel der Ironie. Hier spricht er davon, dass es bequem sei, unmündig zu sein und dass man nicht denken müsse, wenn man nur genug Geld hat. Weiter unten schreibt er, dass Vormünder die Oberaufsicht über andere Menschen „gütigst auf sich nehmen“ und beschreibt die Beaufsichtigten mit der Metapher des Hausviehs. Mit dem Stilmittel der Ironie sagt eine Person, was ihrer Überzeugung nicht entspricht und überlässt es den Leser:innen, das zu erkennen.
Moses Mendelssohn (geb. 1729 in Dessau, gestorben 1786 in Berlin) war ein berühmter deutsch-jüdischer Philosoph der Aufklärung und Wegbereiter der jüdischen Aufklärung (der Haskala).
Unter dem folgenden externen Link findest Du einen kurzen, informativen Film „Moses Mendelssohn – Wegbereiter des emanzipierten Judentums“ (von Adina Stern für bpb.de, CC BY-NC-ND 3.0 DE): https://www.bpb.de/mediathek/reihen/333088/moses-mendelssohn-wegbereiter-des-emanzipierten-judentums/
Wörtliche Übersetzung: „Der Kaiser steht nicht über den Grammatikern.“ Im wörtlichen Sinne fordert diese Redewendung, dass sich der Kaiser (in diesem Text bzw. Absatz: der Monarch oder konkret Friedrich II.) nicht anmaßen soll, mehr zu wissen als Expert:innen (dafür steht das Wort „Grammatiker“). Auch ein Monarch sollte sich demnach am Wissen von Expertinnen orientieren.
Im übertragenen Sinne lässt sich der Satz auch als eine Aufforderung zur Neutralität lesen: Demnach sollte ein Monarch bzw. eine Regierung dafür sorgen, dass sich alle auf ihre Weise um das eigene Seelenheil kümmern können, solange dabei nicht die Freiheit anderer Menschen, dasselbe zu tun, eingeschränkt wird.
In der Bundesrepublik Deutschland ist die „oberste Gewalt“, d.h. der „Souverän“, von dem sämtliche Staatsgewalt ausgehen soll, das Volk. So ist es durch Artikel 20 Absatz 2 des Grundgesetzes (Verfassung) festgelegt. Dieser Artikel 20 wiederum ist durch Artikel 79 Absatz 3 des Grundgesetzes, die sogenannte „Ewigkeitsklausel“, vor Änderungen geschützt. Diese Klausel bestimmt, dass die in Artikel 1-20 niedergelegten Verfassungsgrundsätze nicht angetastet werden dürfen. Das bedeutet: Die darin verbürgten Grundrechte der Staatsbürger:innen, die Gliederung des Bundes in Länder, die republikanische Staatsform, die Gewaltenteilung selbst dürfen auch durch parlamentarische Beschlüsse und Verfassungsänderungen nicht aufgehoben werden.
Diskutiert gemeinsam, ob die Ewigkeitsklausel in Artikel 79 des Grundgesetzes einem „Kontrakt“ gleicht, wie ihn Kant hier im Auge hat, „der auf immer alle weitere Aufklärung vom Menschengeschlechte“ abhält.
Recherchiert im Anschluss die historischen Hintergründe, die die Formulierung des Absatzes 3 in Artikel 79 motiviert haben.

Cover des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland, via Bundeszentrale für politische Bildung
Hier die Unterscheidung noch einmal aufgreifen, Rätsel: wie sich Unterscheidung auf heutige Beispiele anwenden lässt und wo es schwierig ist, diese Zuordnung zu machen (z. B. Wandergruppe)
Der Begriff „Vormund“ wird auch heute benutzt. Wenn ein minderjähriges Kind ohne elterliche Sorgeberechtigte ist, dann bekommt es einen Vormund, der es in wichtigen Fragen berät und gesetzlich vertritt. Bei Kant bedeutet der Begriff viel mehr. Was er damit meint, wird gleich in den folgenden Sätzen durch Beispiele für Menschen deutlich, die die Rolle von Vormündern übernehmen.
Würde ist ein zentraler Begriff der praktischen Philosophie Kants. In diesem Text erläutert er nicht näher, was er darunter versteht. In anderen Werken zur Moralphilosophie (Grundlegung zur Metaphysik der Sitten; Metaphysik der Sitten) geht er näher darauf ein. Dort schreibt er dem Menschen eine „angeborene“ und „unverlierbare Würde“ (AA 6, 420 und 436) zu. Zugleich sieht er die Würde des Menschen in seinem vernunftbasierten Vermögen zur Autonomie begründet: „Autonomie ist also der Grund der Würde der menschlichen und jeder vernünftigen Natur“ (AA 4, 436). Autonomie wiederum bestimmt Kant als „die Beschaffenheit des Willens, dadurch derselbe ihm selbst (unabhängig von aller Beschaffenheit der Gegenstände des Wollens) ein Gesetz ist“ (AA 4, 440).
Kants Würdebegriff hat einen großen Einfluss auf das heutige Verständnis von Menschenwürde. Wenn Du wissen möchtest, wie zentral der Würdebegriff auch für die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, ext. Link ist, schau in Artikel 1 dieser Erklärung.
Hier siehst Du ein Bild von Eleanor Roosevelt, die 1946 bis 1952 Vorsitzende der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen war, mit einem Plakat der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

Eleanor Roosevelt with a poster of the Universal Declaration of Human Rights. Lake Success, NY, November 1949. (FDR Presidential Library & Museum, CC BY 2.0)
Der Hinweis Kants auf unüberwindliche Schranken der Freiheit entspricht einer Kritik am liberalistischen Freiheitsverständnis. Sie findet sich in der Politischen Philosophie seit Platon (Politeia) und wird immer wieder diskutiert. Dieser Kritik zufolge führt eine unbegrenzte sowie unreflektierte Freiheit zu sagen und zu tun, was man will, dazu, dass das Gemeinwohl und friedliche Miteinander missachtet wird. Kant benutzt wenig später die Metapher des Keims, um zu verdeutlichen, dass sich die Freiheit des Menschen nur in friedlicher Gemeinschaft zum Wohle aller entfalten kann. Bedingung dafür sei „öffentliche Ruhe“, die auch durch den Einsatz einer Armee gewährleistet werden soll, wenn Unruhen, Aufständen oder Revolutionen drohen. So ist auch der Hinweis Kant im ersten Satz zu verstehen, ein „wohldiszipliniertes zahlreiches Heer“ könne für öffentliche Ruhe sorgen.

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In Absatz 5 erläutert Kant die Unterscheidung zwischen öffentlichem und privatem Vernunftgebrauch. In Absatz 10 nun spricht er dem aufgeklärten Monarchen zu, er solle das „Räsonnieren“ (das vernünftige Prüfen bzw. die Suche nach Begründungen für das Einhalten bestimmter Regeln oder Gesetze) erlauben, dürfe aber zugleich doch Gehorsam fordern und Ungehorsam mit militärischen Mitteln sanktionieren und durchsetzen.
„Freistaat“ ist ein Synonym zu „Republik“. In seinem Spätwerk (Zum ewigen Frieden, 1795) fordert Kant die Realisierung der Republik als Staatsform (siehe: Erster Definitivartikel; AA 8: 349), denn nur in der Republik kann garantiert werden, dass Gesetze herrschen, die ein Volk (bzw. dessen freie und gleiche Staatsbürger) sich selbst gegeben hat oder geben kann. Unabdingbares institutionelles Merkmal republikanischer Verfassungen ist Kant zufolge die Gewaltenteilung.
Wichtig ist zudem Kants Unterscheidung zwischen einer „Form der Beherrschung (forma imperii)“, die autokratisch, aristokratisch oder demokratisch sein kann und einer „Form der Regierung (forma regiminis)“ bzw. Machtausübung, die entweder republikanisch oder despotisch ist (AA 8: 352). Auf Grundlage dieser Unterscheidung kann Kant im Streit der Fakultäten (1798) fordern, dass auch Monarchien republikanisch regiert werden sollen. So betont er, es sei die „Pflicht der Monarchen, ob sie gleich autokratisch herrschen, dennoch republicanisch (nicht demokratisch) zu regieren, d. i. das Volk nach Principien zu behandeln, die dem Geist der Freiheitsgesetze (wie ein Volk mit reifer Vernunft sie sich selbst vorschreiben würde) gemäß sind, wenn gleich dem Buchstaben nach es um seine Einwilligung nicht befragt würde.“ (AA 7: 91)
Weitere Hinweise zur Geschichte des Begriffs „Freistaat“ finden sich in folgendem Artikel der Landeszentrale für Politische Bildung Thüringen, verfasst von Andreas Dornheim: https://www.lztthueringen.de/media/eschichte_des_begriffes.pdf, ext. Link.
Die „Religionssachen“ sind für Kant aus mehreren Gründen wichtig: Zum einen hat die Religion zu Lebzeiten Kants üblicherweise einen sehr großen Einfluss auf die individuelle Lebensführung der Menschen sowie auf politische Entscheidungen. Zum anderen ist der Anlass für Kants Text die Streitfrage, ob Ehen kirchlich (wie damals üblich) oder zivil (vor dem Standesamt) zu schließen sind. Eine Antwort auf diese konkrete Frage gibt Kant hier nicht. Sein Eintreten für Religionsfreiheit deutet darauf hin, dass er in diesem Punkt liberal gesinnt ist. Wenn du mehr über die Entstehungsgeschichte des Textes wissen möchtest, schaue auf die Seite Einführung.
König Friedrich II. von Preußen war Staatsoberhaupt in einer absoluten Monarchie. Das bedeutet, er konnte sich zwar von Experten beraten lassen, hatte aber als absoluter Machthaber das Recht, Gesetze im Alleingang zu erlassen (sogenannte „Edikte“).
Kant hebt in diesem Abschnitt die Bedeutung eines öffentlichen Diskurses über die Verbesserung von Gesetzen hervor. Zu seiner Zeit konnte ein solcher Diskurs vor allem in gelehrten Journalen stattfinden. Ein konkretes Beispiel für eine solche Verbesserung ist das schrittweise Verbot der Folter, das Friedrich II. einführte, angeregt durch Forderungen von Gelehrten wie Christian Thomasius.
Heutzutage bestehen für Bürger:innen (und nicht nur für Gelehrte) zahlreiche Möglichkeiten, sich in die öffentliche Meinungsbildung einzubringen und Gesetzgebungsverfahren anzustoßen oder zu beeinflussen. Das hat auch mit dem medialen Wandel zu tun. So etwa bieten Plattformen für Petitionen und politische Dialoge, wie „Open Petition“ (https://www.openpetition.de, ext. Link), ihren Nutzer:innen vielfältige Beteiligungsmöglichkeiten.

Screenshot der Startseite von OpenPetition vom 06.04.2024
Kant spricht hier von einer sich selbst missverstehenden Regierung und meint damit Regierungen, die nicht im Sinne der Aufklärung handeln. Schau noch einmal zurück in Abschnitt sechs, wo Kant darlegt, wie eine aufgeklärte Regierung ihm zufolge bei der Gesetzgebung vorgehen sollte.
Kant begrüßt es, dass Friedrich der Große es Geistlichen erlaubt, sich unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit (unabhängig vom „angenommenen Symbol“) frei zu Angelegenheiten der Religion zu äußern. Er greift an dieser Stelle noch einmal die Unterscheidung zwischen dem öffentlichen und dem privaten Gebrauch der Vernunft aus Abschnitt fünf auf. Kannst du dich an diese Unterscheidung erinnern?
In diesem Abschnitt sind die Begriffe „Pflicht“ und „Toleranz“ besonders hervorgehoben. Kant stellt beide Begriffe gegenüber: Er begrüßt, dass Friedrich der Große es als seine Pflicht ansieht, die Religionsfreiheit zu schützen und dass er sie nicht lediglich aus Toleranz gewährt. Kant spricht von „Pflicht“, wenn es geboten ist, etwas Bestimmtes zu tun (z.B. Hilfe zu leisten, wenn jemand in Not ist). Der Begriff der Toleranz steht hingegen bloß für die Bereitschaft, etwas zu dulden. Ein wichtiger Unterschied dabei ist, dass der Pflicht einer Person zugleich auch ein Anspruch einer betroffenen anderen Person entspricht. Das ist bei einer bloßen Bereitschaft zur Toleranz nicht der Fall. Kant zufolge haben Bürger in Preußen dank Friedrich II. also einen Anspruch auf Religionsfreiheit.

Friedrich der II. von Preußen und Voltaire, Kupferstich von Pierre Charles Baquoy nach einem Gemälde von Nicolas André Monsiau, via wiki media commons
Auf dem Kupferstich ist – stehend – Friedrich der Große (1712-1786) zu sehen, hier mit Voltaire (1694-1778), einem französischen Philosophen und einflussreichen Schriftsteller der Aufklärung. Friedrich der Große, auch Friedrich der II. oder der „alte Fritz“ genannt, war König von Preußen. Als Vertreter des aufgeklärten Absolutismus setzte er sich für gesellschaftliche Reformen ein, etwa für die Abschaffung der Folter und für den Ausbau des Bildungssystems. Er hob die Zensur für Zeitungen auf, allerdings mit Ausnahme des politischen Teils, und setzte sich für Religionsfreiheit ein. Auf ihn geht der berühmte Spruch zurück „Jeder soll nach seiner Façon selig werden“. Die Freizügigkeit galt jedoch vorrangig für Katholiken und Protestanten, nicht in gleichem Maße auch für Juden. Diese besaßen keine Bürgerrechte und waren massiven Einschränkungen in ihren Freiheitsrechten ausgesetzt.
Obwohl Kant schon Anzeichen zunehmender Aufklärung in der Bevölkerung sieht, erinnert er uns hier noch einmal an Hindernisse der Aufklärung. Er hat sie bereits in Abschnitt zwei, drei und fünf ausführlich besprochen. Kannst du dich an sie erinnern? Finde es heraus mit der Beantwortung folgender Frage:
Kant macht hier einen Gegensatz zwischen einem „aufgeklärten Zeitalter“ und einem „Zeitalter der Aufklärung“.
Zum Weiterdenken: Was denkst du – kann eine Gesellschaft den Zustand eines aufgeklärten Zeitalters ein für allemal erreichen oder handelt sich bei der Aufklärung eher um einen fortdauernden Prozess?
Übrigens: Die doppelte Bedeutung als Prozess und Resultat ist schon im Wort „Aufklärung“ selbst angelegt. Die Endung „-ung“ kommt in der deutschen Sprache nämlich häufig dann vor, wenn ein Dingwort (Substantiv) von einem Tätigkeitswort (Verb) abgeleitet ist, z. B. „Verwechslung“ von „verwechseln“ oder „Wahrnehmung“ von „wahrnehmen“. Deshalb kann mit dem Wort „Aufklärung“ immer auch die Tätigkeit oder der Prozess „aufklären“ mit gemeint sein. Kant selbst spricht schon im ersten Absatz vom „Ausgang“, d.h. dem Herausgehen aus der Unmündigkeit. Die Bezeichnung „Zeitalter der Aufklärung“ steht daher eher für einen Prozess. Bei der Bezeichnung „aufgeklärtes Zeitalter“ hingegen charakterisiert das Adjektiv „aufgeklärt“ das Substantiv „Zeitalter“ näher, welches für einen abgeschlossenen Zustand steht.
Kant scheint sich in diesem Abschnitt für Religionsfreiheit auszusprechen. Demnach sollen Menschen frei wählen können, auf Grundlage welcher Religion sie ihr sogenanntes “Seelenheil” (Erfüllung / Zufriedenheit) anstreben. Ein Monarch ist Kant zufolge jedoch aufgefordert, die freie Religionsausübung seiner Untertanen einzuschränken, wenn durch sie die bürgerliche Ordnung gefährdet ist und dadurch Menschen gewaltsam davon abgehalten werden, ihr Seelenheil zu erlangen.
Auch heute werden Grenzen der Religionsausübung diskutiert, so z.B. zum Aufhängen des Kruzifix‘ in Klassenzimmern, zum verpflichtenden Sportunterricht, zur Verschleierung, zur Beschneidung oder auch zur Schächtung von Tieren ohne Betäubung.
Recherchiert, wie die Begründungen für oder gegen die oben genannten religiös motivierten Praktiken formuliert sind und inwiefern sie jeweils Bezug nehmen auf die bürgerliche Ordnung oder das individuelle Seelenheil, inklusive der körperlichen Unversehrtheit.
ALT! (Neu unter „oberste Gewalt“)
In Artikel 79 Absatz 3 des Grundgesetzes der BRD wird die sog. „Ewigkeitsklausel“ formuliert, derzufolge die in Artikel 1-20 niedergelegten Verfassungsgrundsätze nicht angetastet werden dürfen. Das heißt: Die Grundrechte der Staatsbürger:innen, die Gliederung des Bundes in Länder, die republikanische Staatsform, die Gewaltenteilung etc. dürfen auch durch parlamentarische Beschlüsse und Verfassungsänderungen nicht aufgehoben werden.
Diskutiert gemeinsam, ob dieser Absatz in Artikel 79 des Grundgesetzes einem „Kontrakt“ gleicht, wie ihn Kant hier im Auge hat, „der auf immer alle weitere Aufklärung vom Menschengeschlechte“ abhält.
Recherchiert im Anschluss die historischen Hintergründe, die die Formulierung des Absatzes 3 in Artikel 79 motiviert haben.

Cover des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland, via Bundeszentrale für politische Bildung
Zum Weiterdenken …
Die Prüffrage, „ob ein Volk sich selbst wohl ein solches Gesetz auferlegen könnte“, erinnert an das Testverfahren durch den Kategorischen Imperativ, mit dem Menschen jeweils für sich prüfen sollen, ob sie ihre Maximen (individuelle Handlungsregeln bzw. subjektiven Handlungsgrundsätze) auch als allgemeines Gesetz denken und wollen können.
Dieses Prüfverfahren für Maximen soll u.a. sicher stellen, dass sich das handelnde Subjekt zugleich als gesetzgebende und den eigenen Gesetzen gehorchende Person ansehen kann. Beim hier in Absatz 6 formulierten Prüfverfahren hingegen scheint es nicht notwendig zu sein, dass die Subjekte der Gesetzgebung (die sogenannte „Legislative“ – bei Kant: der aufgeklärte Monarch) mit denjenigen identisch sind, die ihm unterworfen sind (die Staatsbürger:innen – bei Kant: das Volk).
(1) Rechercheaufgabe: Erinnert Euch oder recherchiert, wie der Kategorische Imperativ in seiner Grundformel (Universalisierungsformel) lautet.

Probierstein für Goldprobe, Historisches Museum Basel, Maurice Babey, CC BY-SA 4.0
Den „Probierstein“, von dem Kant hier spricht, gab und gibt es wirklich: Es handelt sich um einen schwarzen Stein, mit dem sich die Echtheit und Feinheit von Silber und Gold ermitteln lässt. Solche Prüfsteine bestehen meist aus Kieselschiefer oder Basalt. An ihnen wird das zu prüfende Stück (z.B. Schmuck) gerieben, sodass es einen feinen Strich auf dem Stein hinterlässt. Anschließend wird Säure aufgetragen, um zu schauen, ob der Strich bestehen bleibt. Bleibt er bestehen, spricht das für die Echtheit des Stücks.
Im übertragenen Sinne meint „Probierstein“ ein Mittel oder auch ein Prüfverfahren, mit dem sich die Beschaffenheit einer Sache, bspw. auch die Legitimität von Gesetzen prüfen lässt.
Bereits die einleitenden Worte dieses Abschnitts signalisieren, dass Kant hier in Gedanken einen möglichen Einwand gegen seine bisherige Argumentation formuliert: Er fragt hypothetisch, ob bestimmte Lehren oder auch Gesetze den Anspruch erheben können, für immer und für alle Menschen gültig zu sein, ohne dass sie durch den öffentlichen Vernunftgebrauch geprüft werden dürfen. Sie wären dann in diesem Sinne „unabänderlich“ oder „ewig“: Dafür steht der Ausdruck „unveränderliches Symbol“. Mit der Behauptung, dass dies „ganz und gar unmöglich“ ist, verneint er diese Frage.
Folgende Sätze formuliert er dafür im Text als Begründung:
„Ein Zeitalter kann sich nicht verbünden und darauf verschwören, das folgende in einen Zustand zu setzen, darin es ihm unmöglich werden muß, seine (vornehmlich so sehr angelegentliche) Erkenntnisse zu erweitern, von Irrtümern zu reinigen und überhaupt in der Aufklärung weiter zu schreiten. Das wäre ein Verbrechen wider die menschliche Natur, deren ursprüngliche Bestimmung gerade in diesem Fortschreiten besteht; und die Nachkommen sind also vollkommen dazu berechtigt, jene Beschlüsse, als unbefugter und frevelhafter Weise genommen, zu verwerfen.“
Wähle aus, welche der folgenden Formulierungen diese Begründung richtig wiedergeben. (Hinweis: Mehrere Optionen können richtig sein.)
Diese einleitenden Worte signalisieren, dass Kant hier in Gedanken eine mögliche Frage aufwirft und im Rahmen eines Gedankenexperiments „durchspielt“. Zur Erinnerung: In Absatz 5 hatte Kant postuliert, dass Freiheit im öffentlichen Gebrauch der Vernunft eine notwendige und sogar hinreichende Bedingung für die Selbstaufklärung eines Publikums bzw. „Aufklärung unter Menschen“ ist. Zudem hat er gezeigt, was den öffentlichen Vernunftgebrauch vom privaten Gebrauch, der eingeschränkt werden darf, unterscheidet.
In diesem Absatz 6 schließt er daran an und wirft nun die Frage auf, ob es bestimmte Lehren oder auch Gesetze geben darf, die für unabänderlich und ewig gültig erklärt werden (dafür steht die der Ausdruck „unveränderliches Symbol“). Und genau um diese Frage zu beantworten, entwirft Kant hier das Gedankenexperiment. In diesem tritt eine geistliche bzw. theologische Elite (dafür steht hier auch „Classis“) auf, beschließt gemeinsam in einem „Kontrakt“ (Vertrag) die ewige Gültigkeit solche Lehren oder Gesetze und verbietet damit zugleich, sie öffentlich zu hinterfragen und zu verbessern. Daraus würde eine „unaufhörliche Obervormundschaft“ über nachfolgende Generationen resultieren.
Kant hebt an dieser Stelle die Bedeutung der „Religionssachen“ hervor. Diese sind für ihn deshalb so bedeutend, weil es hier, anders als in Künsten und Wissenschaften, um Gewissensfragen geht. Diese Form der Mündigkeit ist auch heute noch von enormer Bedeutung, etwa in Bezug auf Weltanschauungen und bestimmte Norm- und Werthaltungen – unabhängig davon, ob diese religiös oder säkular sind.
Vielleicht errinerst du dich: Bereits in einigen der vorhergehenden Abschnitte hat Kant auf das Gewissen hingewiesen, so zum Beispiel im 1. Absatz, wo der „Seelsorger, der für mich Gewissen hat“, und im 5. Absatz, wo der Geistliche, der sein „Amt nicht mit Gewissen verwalten“ kann, erwähnt werden.
Das Wort „Joch“ kann verschiedene Bedeutungen annehmen. „Joch“ wird erstens ein Zuggeschirr genannt, mit dem Lasttiere vor einen Pflug gespannt werden, um mit ihnen das Feld zu bestellen oder schwere Wagen zu ziehen (Abb. 1). Zweitens steht es für das „Tragejoch“, eine Art Schultertrage, mit der Menschen schwere Lasten transportieren können (Abb. 2). Als „Joch“ kann man drittens auch ein Fesselwerkzeug bezeichnen, das die Arme von Gefangenen fixiert (Abb. 3, hier im Rahmen eines Schauspiels dargestellt).

[Abb. 1] Burma07, Stefan Grüning, CC BY-SA 3.0

[Abb. 2] YokeChina, Ohne Autor, CC BY-SA 3.0

[Abb. 3] Panzano flickr07, Larry Ferrante, CC BY-SA 2.0
Schau Dir Abbildungen 2 und 3 noch einmal genau an: Von wem und mit welchem Ziel wird das Joch angelegt?
Kant argumentiert hier dafür, dass es bei „manchen Geschäften“, die in das besondere Interesse des Gemeinwesens fallen (siehe oben: „Interesse des gemeinen Wesens“), verboten sei zu räsonieren. Hier sei es hingegen geboten zu gehorchen. („Hier ist es nun freilich nicht erlaubt, zu räsonnieren; sondern man muss gehorchen.“)
Doch wie begründet Kant diese Forderung genau? Versuche die Argumentation anhand der genannten Beispiele zu rekonstruieren. Überlege dabei, welche Gründe in diesen Fällen entscheidend sind, damit das Gebot des Gehorchens überzeugen kann.
Zu Beginn das Absatzes erwähnte Kant den berühmten Ausspruch „Räsoniert soviel Ihr wollt, aber gehorcht!“. Im Anschluss daran hat er im Zusammenhang mit der Unterscheidung von den zwei Arten des Vernunftgebrauchs für die Beschränktheit bzw. Unbeschränktheit von Freiheit argumentiert: Die unbeschränkte Freiheit kommt demnach nur dem öffentlichen Vernunftgebrauch zu, der sich mit Schriften im gelehrten Stil an das ‘eigentliche Publikum’ wendet. Kant hat hier insbesondere die neu entstandenen Zeitschriften und Journale als Ausdruck einer sich entwickelnden bürgerlichen Öffentlichkeit vor Augen, die zu seiner Zeit den intellektuellen Austausch ermöglichten.
Welche kommunikativen und medialen Formen eines öffentlichen Vernunftgebrauchs in der Gegenwart würdest du ergänzen?
Kant argumentiert dafür, dass bei „manchen Geschäften“, die in das besondere Interesse des Gemeinwesens fallen (ihm zufolge: Privatgebrauch der Vernunft), nicht räsoniert werden dürfe. Hier sei zu gehorchen, denn es wäre schädlich zu räsonieren. Eine genauere Begründung für dieses Gebot formuliert Kant hier nicht ausdrücklich.
Was denkst du: Welche Gründe würde er dafür anführen, dass man im Privatgebrauch der Vernunft gehorchen soll? Und wann stößt dieses Gebot deiner Meinung nach an seine Grenzen?
Kant hat in diesem Abschnitt die nicht immer einfach zu treffende Unterscheidung zwischen einem öffentlichen und einem privaten Gebrauch der Vernunft eingeführt und an Beispielen verdeutlicht.
Diskutiere mit anderen anhand weiterer Beispiele folgende Fragen: Was spricht dafür und was spricht dagegen, dass die Lehrerin, der Schüler und die Eltern die von Kant eingeforderten Grenzen des privaten Vernunftgebrauchs einhalten oder überschreiten? Sofern sie die Grenzen des privaten Vernunftgebrauchs überschreiten: Findest du das angemessen oder nicht?
(1) Eine Mathematiklehrerin diskutiert mit Schüler:innen im Unterricht den vorgeschriebenen Lehrplan und entscheidet, dass eine Grundrechenart (z.B. Addition oder Subtraktion) nicht behandelt wird.
(2) Ein Schüler geht zu einer Demonstration von „Fridays for Future“ und verletzt damit die Schulpflicht, denn die Demonstration findet während der Unterrichtszeit statt.
(3) Die Eltern des Schülers verbieten ihm das mit der Begründung, dass sie für die Einhaltung der Schulpflicht zu sorgen haben und ihnen ansonsten ein Bußgeld droht.

Fotografie von geralt, via Pixabay
Kant verwendet hier zwei verschiedene Metaphern:
Einerseits sind Menschen „Teil der Maschine“ (mechanisch) des Gemeinwesens und müssen dann in Ausübung einer Tätigkeit im Privatgebrauch der Vernunft den dortigen Anforderungen genügen und gehorchen.
Andererseits können Menschen sich „zugleich als Glied eines ganzen gemeinen Wesens, ja sogar der Weltbürgerschaft“ (organisch) verstehen und den öffentlichen Gebrauch der Vernunft vollziehen.

Charlie Chaplin im Film „Modern Times“ (1936), via Wikimedia Commons
Kant unterscheidet zwischen öffentlichem und privatem Vernunftgebrauch. Unter „Privatgebrauch“ versteht er allerdings nicht das, was wir heutzutage dem Bereich des Privaten zuordnen. Denn der private Gebrauch der Vernunft erfolgt ihm zufolge gerade nicht in der Familie oder in engen Beziehungen zu Mitmenschen, sondern betrifft die Ausübung einer bestimmten beruflichen Tätigkeit, z.B. als Angestellter bei einer Bank, als Lehrerin in der Schule, als Ärztin im Krankenhaus oder auch als Soldat in einer Armee. Diese beruflichen Tätigkeiten finden nun oftmals in Bereichen statt, die wir heute als „das öffentliche Leben“ bezeichnen.
Jedoch versteht Kant auch den öffentlichen Gebrauch der Vernunft in einem spezifischen Sinn: Aus seiner Zeit heraus denkt er dabei an einen Kreis von „Gelehrten“ (heute sprechen wir von „Expert:innen“ oder „Intellektuellen“), die sich an ein Publikum wenden. Kant hatte dabei sicherlich die im 18. Jahrhundert neu entstandenen Zeitschriften und Journale vor Augen, die den intellektuellen Austausch ermöglichten und damit zur Etablierung einer bürgerlichen Öffentlichkeit beitrugen. Zudem dachte er wohl auch an die Zusammenkünfte von Gelehrten, die sich in den Salons wohlhabender Familien trafen, um miteinander zu diskutieren. Kant selbst lud übrigens regelmäßig – ausschließlich männliche – gelehrte Freunde zu einer „Tischgesellschaft“ in seinem Haus ein.

Kant und seine Tischgenossen. Kolorierter Holzstich nach einem Gemälde von Emil Dörstling (1859–1940), via Wikimedia Commons
Überlege einmal selbst: Welche Medien für den öffentlichen Vernunftgebrauch in der Gegenwart würdest Du ergänzen? Und siehst du Einflussfaktoren, die den offenen und kritischen Austausch zwischen Menschen verhindern können?
Mit dem „gemeinen Wesen“ meint Kant das sogenannte „Gemeinwesen“, d.h. das institutionnell organisierte, auf Zusammenarbeit (Kooperation) beruhende menschliche Zusammenleben bzw. Handeln, das über die Familie hinausgeht und der Verwirklichung der Interessen aller Beiteiligten oder des Gemeinwohls dient.
„Nur ein einziger Herr in der Welt sagt: räsonniert, so viel ihr wollt, und worüber ihr wollt; aber gehorcht!“




Abbildungen: Allan Ramsay: George III.; Anton Graff: Friedrich der Große; Martin van Meytens: Maria Theresia von Österreich; Charles François Gabriel Le Vachez: Napoleon Bonaparte – alle public domain, via Wikimedia Commons
Kant meint mit „Vorurteilen“ nicht einfach Urteile, die erst einmal nur vorläufig, d.h. bis auf Widerruf oder bis zu einer Korrektur gelten. Vielmehr meint er damit verfestigte Urteile, die keiner Prüfung mehr unterzogen werden: „Vorurtheile sind vorläufige Urtheile, in so fern sie als Grundsätze angenommen werden“ (Logik 1800 (Jäsche), AA 9: 75). Kant zufolge sind vorläufige Urteile nicht per se problematisch, teilweise sind sie sogar wichtig und hilfreich. Dass sie aber problematisch werden können, wenn sie ungeprüft angewendet oder auch verallgemeinert werden, zeigt etwa das Beispiel „Sport treiben ist gesund“: Denn das ist für manche Menschen in manchen Situationen nicht zutreffend, wenn sie beispielsweise krank sind oder von gefährlichen Extremsportarten die Rede ist.
Kant betont in diesem Absatz den Unterschied zwischen einer Revolution durch ein Publikum als einem „großen Haufen“ von Menschen und einer „Reform der Denkungsart“ innerhalb eines sich wahrhaft selbstaufklärenden Publikums.

„Die Freiheit führt das Volk an“ (1830), Gemälde von Eugène Delacroix (1798-1863), Musée du Louvre, via wikimedia commons
Das Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ (französisch „La Liberté guidant le peuple“) des französischen Malers Eugène Delacroix (1798-1863) entstand mehr als vier Jahrzehnte nach Kants Aufklärungstext und ist eine der bekanntesten Darstellungen gewaltsamer, revolutionärer Aufstände. Abgebildet ist hier ein Aufstand der Pariser Bevölkerung im Juli 1830 (daher „Julirevolution“) gegen Karl X. und seine Politik. Karl X. wollte Verhältnisse erneuern, wie sie vor der Französischen Revolution 1789 geherrscht hatten. Insbesondere wollte er die Vorherrschaft des Adels wiederherstellen. Dazu ordnete er u.a. an, dass einfache Bürger (ausschließlich männliche) in Wahlverfahren benachteiligt und eine Pressezensur eingeführt werden. Der insgesamt 3 Tage dauernde Aufstand führte zu einer grundlegenden Änderung der Herrschaftsverhältnisse in Frankreich: nämlich dem endgültigen Sturz des Adelsgeschlechts der Bourbonen. Das war eine Veränderung, die nicht so geordnet stattfand, wie Kant das forderte.
Zu Beginn des Absatzes hat Kant behauptet, dass eine Selbstaufklärung des Publikums „unausweichlich“ sei, sofern diesem die Freiheit dazu gegeben ist. An dieser Stelle räumt er jedoch ein, dass der Prozess der Selbstaufklärung auch unterbrochen werden kann. Demzufolge tendieren diejenigen, die sich aus dem „Joch der Unmündigkeit“ befreien, dazu, ihre ehemaligen Vormünder unter dasselbe Joch zu zwingen, weil sie sich von neuen Vormündern, die „aller Aufklärung unfähig sind“, haben anstiften lassen. Als Grund nennt er das unreflektierte Festhalten an Vorurteilen.
Wichtig scheint für Kant zu sein, dass eine Gruppe von Personen im Prozess der Selbstaufklärung immer wieder kritisch prüfen muss, ob sie ihren eigenen Ansprüchen gerecht wird, d.h. Vorurteile nicht ungeprüft übernimmt und diese dadurch doch wieder verfestigt.

Berlinische Monatsschrift, Screenshot Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0
Kant meint mit „Publikum“ eine Gruppe von Menschen, die er im kommenden Absatz als „Leserwelt“ bezeichnet. Gemeint ist eine Gemeinschaft von Lesenden und zugleich Schreibenden, die sich durch Veröffentlichungen (Publikationen) austauschen. Solche Veröffentlichungen waren zur damaligen Zeit hauptsächlich Texte in gedruckten Werken, etwa in Zeitschriften und Büchern, die jedoch nur wenigen Gebildeten und Wohlhabenden zugänglich waren. Der Artikel „Was ist Aufklärung?“ von Kant ist beispielsweise 1784 in der Berlinischen Monatsschrift, einer damals bekannten Aufklärungszeitschrift, erschienen.
Überlege einmal: Was verstehst Du heute unter einem Publikum? Wer gehört dazu (z.B. Zuhörer:innen, Zuschauer:innen, Leser:innen, evtl. auch Sprechende und Schreibende)?
Das Verb „räsonnieren“ (neue Schreibweise: „räsonieren“) leitet sich von dem französischen Wort „raison“ für Vernunft und dem französischen Verb „raisonner“ für „vernünftig denken“ oder „vernünftig reden“ ab.
Schon im ersten Absatz dieses Aufsatzes schreibt Kant: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ und meint mit Verstand auch Vernunft in diesem Sinne. In der Geschichte der Philosophie und auch bei Kant selbst werden Verstand und Vernunft jedoch auch oft unterschieden. In seiner Schrift „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“ (1798) bezeichnet er den Verstand als das Vermögen, ausgehend von der Erfahrung Begriffe zu bilden, während die Vernunft das Vermögen ist, Begründungen zu geben und zu prüfen. Zudem enthält die Vernunft Ideen, die über Erfahrung hinausweisen (z.B. Ideen, die das Handeln anleiten sollen, wie Freiheit, oder metaphysische Ideen, wie Gott, Unendlichkeit oder Unsterblichkeit).
Kant verbindet an dieser Stelle die Begriffe „Freiheit“ und „Aufklärung“ und macht Freiheit zur Bedingung von Aufklärung. Freiheit bezieht sich hier darauf, dass z. B. in öffentlichen Diskussionsrunden und Zeitschriften strittige Themen erörtert, verschiedene Ansichten vorgetragen und mit Bezug auf vernünftige Gründe diskutiert werden dürfen.

Fotografie von Chang Zun Shi, VIA PIXABAY
Kant unterscheidet verschiedene ‚Gebrauchsweisen‘ dessen, was Freiheit genannt wird: schädliche und unschädliche. Den oben angesprochenen Austausch zu strittigen Themen zählt er zur unschädlichsten Form von Freiheit.
Überlege einmal selbst: wann kann in deinen Augen der Gebrauch von Freiheit auch Schaden anrichten?
Kant zitiert hier den römischen Dichter Horaz, der diesen Ausspruch im Jahr 20 v. Chr. in einem Buch mit Episteln (Briefen) veröffentlichte. Neben der von Kant vorgeschlagenen Übertragung „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, gibt es alternative Übersetzungen, z. B. „Wage zu wissen!“, „Wage es, weise zu sein!“, „Entschließe dich zur Einsicht!“.
Der Begriff der Aufklärung ist mehrdeutig und bezeichnet nicht nur eine historische Epoche, sondern steht auch für Prozesse geistig-intellektueller sowie institutioneller Entwicklung von Individuen und Gesellschaften. Dementsprechend kann man zwischen dem Prozess (rationales und fortschrittliches Denken) und dem Resultat (eine aufgeklärte Person und Gesellschaft) der Aufklärung unterscheiden.
Aufklärerische Bewegungen haben Einfluss auf alle gesellschaftlichen Bereiche von Politik und Wissenschaft bis hin zu Religion und Kunst genommen. Kant beantwortet die Frage, was Aufklärung ist, vor dem Hintergrund einer zunehmenden Religionskritik und beginnt an dieser Stelle mit einer allgemeinen Definition.
(Ausführliche Hinweise finden sich im Eintrag „Aufklärung“ bei Wikipedia.)
In dem hier von Kant gemeinten weiten Sinn steht „Verstand“ für das Vermögen des Denkens, sich etwas durch Begriffe vorzustellen. Während die sinnliche Anschauung das konkret Einzelne der Gegenstände erfasst (z.B. das Handy in Deiner Hand), begreift der Verstand das Allgemeine, also allgemeine Begriffe von Gegenständen (z.B. den abstrakten Begriff „Handy“, der es ermöglicht, alle möglichen einzelnen Handys als „Handy“ zu bezeichnen). Auch Regeln oder Gesetze gehören zu diesem Allgemeinen. Der Verstand im Sinne Kants ist somit notwendig für unsere Fähigkeit, Dinge zu benennen und zu beurteilen.
Die Aufklärung ist als eine wichtige geschichtliche Epoche bekannt, welche die Zeit des 17. und 18. Jahrhunderts umfasst. Sie steht auch für einen Prozess des gesellschaftlichen Fortschritts. Als grundlegende Ideale der Aufklärung gelten Orientierung an Wissenschaft und Vernunft (anstelle von Autoritätsgläubigkeit) sowie die Anerkennung individueller Rechte. Die Bewegung der Aufklärung fand in mehreren Ländern statt, z. B. in Frankreich, Schottland, Niederlande und Italien.
Überlege einmal, welches Bild oder welche Metapher kommt im englischen und französischen Wort für „Aufklärung“ zum Ausdruck? Erkennst du diese Metapher auch in folgendem Bild von Daniel Chodowiecki, einem Zeitgenossen Kants?

„Aufklärung“, Kupferstich von Daniel Chodowiecki (1726-1801)
Willst Du mehr wissen? Das deutsche Verb „aufklären“ ist abgeleitet vom mittelhochdeutschen Adjektiv „klar“, das seit dem 12. Jh. mit der Bedeutung “hell” und “rein”, aber auch “deutlich” und “verständlich” verwendet wird. Zunächst bedeutete es „einen Sachverhalt erkunden und klären“. Im17. Jahrhundert wurde es auch im Sinne von „aufklaren“, also „sich aufhellen, freundlich werden“ des Wetters verwendet wurde.
Kant geht es hier um die selbstverschuldete Unmündigkeit. Neben dieser selbstverschuldeten Unmündigkeit gibt es ihm zufolge aber auch Formen der Unmündigkeit, die man nicht selbst verschuldet hat. Beispielsweise werden Menschen als „unmündig“ bezeichnet, wenn sie aus Altersgründen noch nicht für alle Entscheidungen und Handlungen verantwortlich gemacht werden können. In Deutschland gilt man ab 18 Jahren als „mündig“ im Sinne von „voll geschäftsfähig“ und kann erst dann ohne Zustimmung der Eltern rechtlich verbindliche Verträge abschließen, z. B. einen Handyvertrag oder eine Mitgliedschaft im Fitnesscenter.

Betreten der Baustelle verboten, 4028mdk09, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Im 18. Jahrhundert nannte man Frauen „das schöne Geschlecht“.
Die Formulierung „das schöne Geschlecht“ ist heutzutage nicht mehr üblich. In verschiedenen Forschungsarbeiten zur Philosophiegeschichte und zu Kant wird sie als “sexistisch” (diskriminierend aufgrund des zugeschriebenen biologischen Geschlechts) oder “misogyn” (frauenfeindlich) diskutiert. Solche diskriminierenden oder abwertenden Äußerungen finden sich auch in anderen Schriften Kants (z.B. Anthropologie in pragmatischer Hinsicht). Wenn Du Dich über diese Diskussion informieren möchtest, kannst Du folgende Seite besuchen: https://wieumgehenmitrsa.uni-jena.de/.
Obwohl Formulierungen wie „das schöne Geschlecht“ heute nicht mehr üblich sind und als diskriminierend oder abwertend gelten, sind geschlechtsspezifische Rollenbilder weiterhin verbreitet.
Schau Dich einmal um, z. B. auf Plakaten oder in Werbespots: Findest Du dort geschlechtsspezifische Rollenbilder und wenn ja, welche? Wie bewertest Du diese Charakterisierungen? Was könnte an ihnen mit Blick auf die Gleichberechtigung der Geschlechter, die im Grundgesetz garantiert ist, problematisch sein? (Schaue dir auch gerne den Artikel „Gleichberechtigung wird Gesetz“ (ext. Link) auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung an.)

Fotomontage von Mircea Iancu, via Pixabay
Ein Gängelwagen kann einem Kleinkind helfen, das Laufen zu erlernen.
Überlege aber, inwiefern könnte die Metapher des Gängelwagens auch für Bevormundung und Überfürsorge stehen?

Learning to walk, W.A. Pixley, via wikimedia commons
Kant bietet hier einige Beispiele für Situationen, in denen es bequem ist, nicht selbst zu denken. Welche Beispiele fallen Dir aus Deinem eigenen Alltag ein?
Der Ausdruck „naturaliter maiorennes“ stammt aus dem Lateinischen. Er heißt wörtlich übersetzt „von Natur aus volljährig“ und meint an dieser Stelle so viel wie „von Natur aus erwachsen“.
Wenn „maiorennes“ im Deutschen „volljährig“ bedeutet, was könnte dann das lateinische Wort für „minderjährig“ sein? Hinweis: Das Wort „maiorennes“ besteht aus „maior“ (größer oder voll) und „annis“ (Jahre).
Mit „Satzungen“ meint Kant hier verbindliche Vorschriften oder Erlasse, mit „Formeln“ – etwas weiter gefasst – jegliche formelhafte Handlungsempfehlungen oder Handlungsanweisungen.
Versuche doch einmal, folgenden Wörterbucheintrag zu den im 18. Jh. synonym zu „Formel“ gebrauchten Ausdrücken „Formular“, „Formul“, „Formula“ zu entziffern, der auch Kants Verständnis dieser Begriffe wiedergibt.
Er stammt aus Johann Heinrich Zedlers Universal-Lexicon, dem umfangreichsten enzyklopädische Werk Europas im 18. Jahrhunderts, das zwischen 1731 und 1754 entstanden ist.

Lexikoneintrag zu „Formular“, aus: Johann Heinrich Zedler: Universal-Lexicon. Bd. 9, S. 781 (Screenshot)
Überlege oder diskutiere mit anderen: Wann und Wo in Deinem täglichen Leben musst Du Dich an Formeln in diesem Sinne halten? Wann hingegen kannst Du selbst entscheiden, Dich an Handlungsempfehlungen oder Handlungsanweisungen zu halten oder nicht?
Kant verwendet hier nach dem Gängelwagen (siehe Abschnitt 2) eine weitere Metapher für Unmündigkeit.
Was meinst Du: Verweist er mit der Metapher der Fußfesseln auf das gleiche Problem, wie mit der des Gängelwagens? Bedenke bei Deiner Antwort auch, was die Zwecke von Fußfesseln und Gängelwagen sind und wie sie zum Einsatz kommen.

Fotografie von Mondfeuer, via pixabay
Das Bild zeigt ein Beispiel für eine Fußfessel. Konkret handelt es sich dabei um eine Statue der Grete Minde aus Tangermünde, eine Person, deren tragische Geschichte zahlreiche Künstler:innen inspiriert hat (https://de.wikipedia.org/wiki/Margarete_von_Minden, ext. Link).

Das Wort „also“ zeigt in Texten oft eine Schlussfolgerung (Konklusion) an. Kant formuliert hier die Schlussfolgerung, dass es für Menschen als Einzelne schwierig ist, sich aus der Unmündigkeit zu befreien. Die Gründe für diese Schlussfolgerung formuliert er bereits in Absatz 2.
Erinnerst Du Dich noch, welche das waren? Wir präsentieren dir im Folgenden drei mögliche Gründe. Ordne zu, ob Kant diese als selbstverschuldet (durch eigenes Tun oder Unterlassen einer Person) oder als fremdverschuldet (durch den Einfluss anderer Personen) ansieht, oder ob es sich zwar um triftige Gründe handeln könnte, die Kant aber gar nicht erwähnt.
Kant beginnt seinen Text direkt mit dem Wort „Aufklärung“. Das Wort verweist auf eine Vielzahl an verwandten Bedeutungen. So sprechen wir z. B. davon, dass wir etwas erklären oder dass das Wetter aufklart. Aber auch ein Missverständnis wird aufgeklärt und wir über die Sexualität.
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