Einführung

Was ist eigentlich Aufklärung? Mit dieser Frage setzt sich Immanuel Kant – der selbst als wichtiger Philosoph der Aufklärung bekannt ist – in diesem Text auseinander. Einige seiner Antworten sind berühmt und mittlerweile Allgemeingut: Sie werden in Schulbüchern und öffentlichen Medien immer wieder zitiert. Aussagen, wie „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ oder „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ haben sicherlich viele schon einmal gehört oder gelesen. Was aber bedeuten sie? Und: Genügt es, sie zu kennen, um zu wissen, was Kant mit Aufklärung meint?

Immanuel Kant, Gemälde (ca. 1790), Maler:in unbekannt

Wir sind der Ansicht, dass man über den ersten Abschnitt seines Textes, in dem die beiden bekannten Sätze vorkommen, hinausgehen und weiterlesen sollte. Erst dann lässt sich verstehen, wie Kant die zentrale Frage des Textes beantwortet. Denn die eigentlich spannenden, teilweise sogar provozierenden Erläuterungen finden sich in den Abschnitten 2 – 10. In ihnen gibt uns Kant zum einen konkrete Beispiele für die selbstverschuldete Unmündigkeit des Menschen (z. B. unkritisches Lesen von Texten oder ungeprüftes Übernehmen von Meinungen). Andererseits nennt er gesellschaftlich bedingte Haltungen und Umstände, die sie verursachen oder verstärken können (z. B. Faulheit, Feigheit, verschiedene Formen der Bevormundung, Macht- oder Herrschaftsverhältnisse) und erläutert Bedingungen, die notwendigerweise erfüllt sein müssen, damit Menschen den Weg der Aufklärung überhaupt gehen können, die teils individuell (z. B. Mut), teils auch politisch (v.a. eine kritische Öffentlichkeit) und rechtlich (z.B. Meinungs- und auch Religionsfreiheit) sind. Für die Änderungen, die dazu nötig sind, fordert er politische Reformen, warnt aber zugleich vor gewaltsamen Revolutionen. Denn der eigentliche Wandel müsse in der Denkungsart stattfinden. Ohne diesen Wandel sei es Menschen nicht möglich, ihre Einstellungen und Haltungen selbst so umzugestalten, dass sie vernünftig, das heißt ihrer Würde gemäß handeln können. Aufklärung in diesem Sinne ist ihm zufolge deshalb eine Menschenpflicht und ihre Verhinderung – sich selbst oder anderen gegenüber – verletzt das Menschenrecht.

Kant versteht Aufklärung nicht einfach als einen Zustand, den Menschen erreichen können, wie einen Zielbahnhof. Vielmehr ist sie ein dauernder Prozess, der eine kritische und vor allem auch selbstkritische Haltung fordert, die nichts ungeprüft lässt. Auch nicht Kants Text selbst. Dieser sollte ebenso kritisch gelesen werden. Und dann zeigt sich, dass auch Kant nicht frei war von recht eingeschränkten Blickwinkeln oder Vorurteilen …

Zum Autor

Immanuel Kant lebte von 1724–1804 und gilt als einer der bedeutendsten Philosophen. Er hat nicht nur den einflussreichen Aufsatz „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ verfasst, sondern mit seinen drei berühmten Kritiken der reinen Vernunft, der praktischen Vernunft sowie der Urteilskraft ein umfangreiches philosophisches Werk vorgelegt. Darin beschäftigt er sich u. a. mit den Fragen, was wir wissen können und was wir tun sollen.

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Zur Entstehungsgeschichte des Textes

Kants Aufsatz erschien 1784 in der Zeitschrift Berlinische Monatsschrift. Er verdankt sich einem Streit zwischen Johann Erich Biester (1749-1816) und Johann Friedrich Zöllner (1753–1804) ein Jahr zuvor in der gleichen Zeitschrift. Diese Auseinandersetzung entzündete sich an der Frage nach dem Einfluss der Kirche bei der Eheschließung. Der Philosoph Biester forderte, dass Pastoren keine Ehen mehr in der Kirche schließen sollten, da religiöse Trauungen dem Geist der Aufklärung widersprächen. Der Pastor Zöllner argumentierte dagegen und begründete dies mit dem Hinweis, dass bereits viele moralische Grundsätze unsicher geworden seien und man die Menschen im Namen der Aufklärung nicht noch weiter verwirren sollte. In einer Fußnote bemerkt Zöllner zudem empört: „Was ist Aufklärung? Diese Frage, die beinahe so wichtig ist, als: was ist Wahrheit, sollte doch wohl beantwortet werden, ehe man aufzuklären anfinge! Und doch habe ich sie nirgends beantwortet gefunden.“ Genau diese provokante Bemerkung veranlasste Kant zu seiner Antwort und zur Publikation seines Artikels.

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Hinweis: Weiterführende didaktische Hinweise zur Zielgruppe, zu möglichen Lernzielen und Methoden finden sich im Konzept.